Aus: „Progressive Newsletter“, Nr. 50, Dezember 2004

Interview mit Thomas Glönkler

„Auszeit von der Hektik des Alltags“



Die CD "Auszeit" entstand über einen Zeitraum von vier Jahren.
Dauerte es so lange, weil Du dir bewusst Zeit für den Reifungsprozeß der Songs lassen wolltest oder war es mehr ein Zeitproblem, da Dein "normales" Leben Dich genügend in Anspruch nahm?


„Mein „normales Leben“ nahm mich in dieser Zeit tatsächlich sehr in Anspruch. Mein Sohn Elias wurde im Jahr 2000 geboren. Zu diesem Zeitpunkt sollte die CD eigentlich schon fertig sein. Damals war die Idee, ein Album nur mit Gitarrenstücken und Flöte zu machen. Das wurde dann erstmal auf Eis gelegt und ich arbeitete in der nächsten Zeit sporadisch – wenn es die Zeit zuließ – an den Stücken weiter. So wurde die Sache nach und nach immer umfangreicher und auch stilistisch mehrdimensionaler, z. B. mit Keyboards und Rhythmus-Effekten. Der Nebeneffekt war dann aber tatsächlich, dass die Stücke länger als sonst Zeit hatten zu reifen.

Der Albumtitel klingt mehrdeutig, als quasi "Auszeit" seit der letzten CD Veröffentlichung mit ICU, aber auch als mögliche "Auszeit" für den Zuhörer beim Hören der CD. War diese Mehrdeutigkeit Absicht und welche Bedeutung steckt für Dich hinter dem Albumtitel?

In erster Linie ist der Titel für mich eine Charakterisierung der Musik. Ich finde es schön, mit Musik eine Art Gegenpol zur hektischen Betriebsamkeit des Alltags zu schaffen. Die Vorstellung, dass ein kleines Lied genügen kann, um uns – trotz all der uns umgebenden Reize – eine „innere Auszeit“ zu bescheren, gefällt mir. Aber natürlich ist das Ganze auch meine ureigene Auszeit. Neben Beruf und Alltag ist es für mich immer wieder wichtig meine musikalischen und künstlerischen Projekte voranzutreiben. Das bringt mich immer wieder zu mir selbst zurück und gibt mir neue Energie. Genauso wie das Zusammensein mit meiner kleinen Familie. Mein Söhnchen aufwachsen zu sehen, ist die reinste Auszeit von allen.

Stand für Dich von Anfang an fest, hauptsächlich von der akustischen Gitarre geprägte Songs zu schreiben?

Ich denke, das lag in diesem Fall an der Art des Songwritings. Nachdem ICU beendet war, hab ich die E-Gitarre mehr oder weniger für eine Weile eingemottet. Denn ich klimpere im Alltag einfach viel lieber auf der akustischen Gitarre. So entstanden dann auch die Grundideen der meisten Stücke auf der Westerngitarre. Letzten Endes ist es dann aber eine Frage des Arrangements. „Stück von früher“ wurde z. B. auch auf der letzten ICU-CD benutzt, daraus wurde der Song „Queer“, das hat nur noch niemand bemerkt. Es ist genau das gleiche Stück, welches jetzt auf der CD ist, nur eben anders arrangiert und mit Text.

Als Gegensatz zu den mehr ruhigen Nummern ist vor allem das elektrifizierte "Auszeit" zu sehen. Ist dieser Kontrast gewollt bzw. sind dies einfach deine musikalischen unterschiedlichen Seiten?

Natürlich sind das unterschiedliche Facetten meines musikalischen Wesens. Auszeit ist der jüngste Track und von daher für mich richtungsweisend. Die Zeit der reinen Akustiknummern scheint gerade vorbei zu sein. Ich freu’ mich schon darauf in kommenden Projekten wieder in größeren musikalischen Maßstäben zu denken, also Titel für ein normales Band-Arrangement zu schreiben. Das ist für mein nächstes Projekt „Zauberwald“ auch schon längerfristig so geplant.

Titel für reine Instrumentalmusik zu finden, ist nicht unbedingt leicht. Steckt hinter den Titeln Deines Album, wie z.B. "Bekiffte Schnecken", "Mobil steril" oder "Kjölur" mehr oder sind es teils auch einfach nur Titel um des Namens Willen?

Hinter den Stücken steckt immer eine konkrete Begebenheit oder ein Sachverhalt, in dessen Stimmung oder aus der heraus der Song entstand. Es sind also keine Phantasietitel. Von daher fällt es mir auch nicht schwer die Titel zu finden. „Kjölur“ ist beispielsweise eine Wüste in Island, die ich einmal wandernd durchquerte, bei „Mobil steril“ war die Inspiration das Mobiltelefon und „Bekiffte Schnecken“ handelt tatsächlich von wirklichen Schnecken, also nicht von menschlichen Wesen, wie die meisten, die den Titel lesen vermuten. Genauere Infos zu den einzelnen Stücken kann man übrigens auch auf meiner Homepage finden.

Wie sieht es bisher mit dem Feedback zu Deiner CD aus?

Bisher bin ich sehr zufrieden mit der Resonanz. Ich bekam bisher nur positive Rückmeldungen.
Aber die Scheibe ist ja noch recht neu, so dass ich dazu noch nicht so viel sagen kann.

Wie kam es eigentlich zum Split von ICU und stehst Du noch in Kontakt mit den anderen Bandmitgliedern?

Die Auflösung war ein ganz natürlicher Prozess ohne Missstimmungen o. ä . , falls du das meinst. Wir haben uns einfach aus beruflichen und anderen Gründen in alle Winde zerstreut. Der Zeitfaktor spielte dabei auch eine Rolle. Natürlich hab ich nach wie vor Kontakt zu den Jungs. Leider zog der Steffen aber vor zwei Jahren nach Leipzig, was die musikalische Zusammenarbeit etwas erschwert. Aber Ralf ist wieder im Lande und wird in der einen oder anderen Form an meinen kommenden Projekten mitarbeiten.
Ein Bandmitglied seh’ ich übrigens jeden Tag, denn Eva-Maria und ich leben zusammen.

Was denkst du heute rückblickend über die einzelnen ICU-CDs und welche Entwicklung die Band und Du in dieser Zeit vollzogen?

Mal abgesehen davon, dass mir im Nachhinein natürlich viele Kritikpunkte auffallen, denke ich, dass die CD „Moonlight Flit“ die unbeschwerteste von den dreien ist. Wir waren noch sehr jung und das Ganze hat damals einfach unheimlich viel Spaß gemacht. Die nächsten Projekte gingen wir dann schon mit deutlich mehr Anspruch und deutlich weniger Lockerheit an, was natürlich nicht immer von Vorteil ist, sondern eher Probleme mit sich bringt. An „Now and Here“ hängt mein Herz naturgemäß am meisten, weil das Konzept sozusagen mein Baby ist. Aber diese Beziehung ist nicht ganz knitterfrei, da ich mit der Produktion am Ende nicht ganz glücklich war. Ich hatte da über Jahre gefühlstechnisch sehr viel investiert. Das war danach erstmal nicht so einfach für mich. Dennoch glaube ich, dass es unser geschlossenstes Werk ist. Rückblickend war die Band bei der dritten CD an einem Punkt angelangt, wo sie fähig war gemeinsam Stücke zu schreiben. Das war vorher nie möglich gewesen bzw. nie sonderlich produktiv. Ich finde die Gemeinschaftsarbeiten „Levitation“ und Quest for Life“ sind die stärksten Stücke der letzten CD. An diesem Punkt kam dann der Split, was eigentlich sehr schade war.

Wo siehst Du Deinen künstlerischen Schwerpunkt: mehr in der Bildenen Kunst oder bei der Musik oder sind beide gleich wichtig für Dich?

Schwer zu beantworten: Ich würd’ mal so sagen: Mit der bildenden Kunst verfolge ich nicht so ambitionierte Ziele wie mit der Musik. Der Vorteil bei meiner Malerei oder Zeichnerei ist - ich kann spontaner, direkter und ergebnisorientierter arbeiten. Ich brauche nur Papier und Stift und kann damit meiner Inspiration schnell und unmittelbar Ausdruck verleihen. Am Ende hab ich dann meist ein fertiges Produkt in den Händen. Daran brauch’ ich dann nicht mehr zu rühren. Das ist für mich in der Musik so nicht möglich. Zwar gibt es da auch die „fruchtbaren Momente“ – meist dann, wenn die Grundideen für die Stücke aus Improvisation entstehen. Trotzdem ist Musikmachen – und vor allem Aufnehmen - eine eher langwierige Sache. Man benötigt einfach längerfristige Planung – man arrangiert, geht ins Studio, nimmt auf, mischt usw.. Die Bildende Kunst ist für mich viel mehr im Jetzt verhaftet. Wichtig sind für mich natürlich beide Ausdrucksformen. Leider sind beim letzten Umzug aber meine ganzen Farben eingetrocknet bzw. eingefroren.

Kannst du etwas mehr über das Konzept von "Zauberwald" erzählen, welches für 2006 geplant ist und als Trilogie angelegt ist?

Kurz nach „Now and Here“ begann ich die Arbeit an einem neuen Konzept, welches dann aber mit ICU keine Aussicht auf Realisierung hatte, da die Band nach „Now and Here“ verständlicherweise nicht schon wieder ein Konzeptalbum von nur einem Komponisten aufnehmen wollte.
So hab ich die Jahre damit verbracht, Songs für das Teil zu schreiben – und es wuchs und wuchs. „Zauberwald“ ist nun der jüngste Teil des Ganzen und entstand ab ca. 1999.
Thematisch geht es hierbei um ‚Familie’ und um die Dinge, die sich über Generationen in diesem Gebilde fortsetzen können. Der „Zauberwald“ dient mir hier als Bild für diesen ganzen Komplex – die Idee: Wir verbringen unser Leben damit durch diesen Zauberwald zu gehen, ob wir wollen oder nicht. Manchmal verirren wir uns darin und sind gefangen in familiären Verstrickungen oder Familienschicksalen. Diese Knoten müssen wir lösen, bevor wir unseren Weg durch den Wald unbehindert fortsetzen können.
Das ist grob der Hintergrund vor dem ich weiter aufbaue und der mich zu einzelnen Songs inspiriert hat. Eine große Rolle spielt für mich dabei auch meine eigenen Familienaufarbeitung – bzw. die Beschäftigung mit der ureigenen deutschen Vergangenheit, aber da wären wir jetzt schon bei Teil 2 der Trilogie.
Vielleicht nur soviel noch: Das Ganze gibt ein Konzeptalbum mit deutschen Texten.



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